Bodensee
„Bodensee mit massivem Problem - Alarm an Deutschlands größtem See“ titelt t-online.de. „Schiffe bleiben am Ufer, Wasservögel paaren sich nicht, Badende stöhnen: Dem Bodensee fehlt derzeit so viel Wasser wie seit Jahren nicht. Bis zu einem historischen Tiefststand ist es nicht mehr weit.“
Das klingt nicht gut, vielmehr nach einem echten, riesigen Problem.
Was liegt nun real vor? Der Wasserstand ist, wie üblich, höher als noch im Winter, ein paar Wochen zuvor. Es geht um den Mai-Pegel, der niedriger ist als normal. Die Schiffe, die im Winter fahren, können somit wohl kaum ein Problem haben. Und auch alle Anlegestellen anfahren, die auch im Winter angefahren werden können.
Selbst wenn man berücksichtigt, dass hier etwas durcheinander gebracht wird und Bodensee nicht gleich Bodensee ist, wenn man verschiedene Aussagen zu Untersee und Obersee hernimmt und vermischt, wie es t-online.de hier macht.
Aber für das Klima des Sees ist der dramatische Wasserverlust doch wenigstens fatal, oder? Naja, schauen wir mal. Bezug genommen wird bei t-online.de auf einen Pegel am Obersee. Der Obersee enthält mit einer Fläche von [473 km² der 536 km² des Bodensees[(https://www.bodensee.de/region/facts-figures) den absolut überwiegenden Teil des Wasservolumens von 48,5 km³. Die Tiefe von bis über 200 Meter macht inklusive der flachen Ufer eine Durchschnittstiefe von fast 100 Metern. Der Wasserstand ist nun rund einen Meter unterhalb des Mai-Durchschnitts. Es fehlt damit ein Volumen von ungefähr 536 km² * 1 - also rund 0,5 km³. Bezogen auf die fast 50 km³ Wasservolumen insgesamt fehlt dem See somit rund 1 Prozent seines typischen Mai-Wassers. Das dürfte dem See selber, ohne reißerischen t-online.de-Titel, wohl ziemlich egal sein.
Aber die Tiere!? Wenigstens die sind doch jetzt voll doll im Arsch!? So wie t-online.de schreibt: „Normalerweise brüten sie in Bereichen, die jetzt häufig trocken liegen. Die Folge: Die Tiere verzichten derzeit auf die Paarung.“ – eh. Schon klar. Ne, dass suggeriert wird, sie würden ganz verzichten, stimmt halt nicht. Denn die Tiere sind wohl eher nicht ganz so doof, sondern eher gut an die schwankenden Wasserspiegel angepasst und diese gewohnt. Sie brüten daher schlicht bewusst später. Ein ganz normales verhalten, wie es auch andere, die darüber berichten, durchaus erwähnen. Aber das klingt halt weit weniger reißerisch als es t-online.de offensichtlich an der Stelle haben möchte.
Manch Tier nutzt die – wie gesagt, nicht ganz unübliche – Situation halt sogar zum Vorteil. Das unterschlägt t-online.de an der Stelle mal vollends. Passt halt auch nicht ins Bild des Weltuntergangs. Denn Schwäne und Stockenten freuen sich derweil über die trockenen Nester – da droht keine Überschwemmung. Das Wasser ist halt nicht gänzlich weg, sondern vielleicht ein paar Meter weiter drüben. Verdursten muss hier schlicht niemand.
Damit hat t-online.de einen schön reißerischen Titel, der ja nicht falsch ist, weil die Brutgebiete von letztem Jahr nun dieses Jahr vorerst mal wirklich keine sind. Aber die Tiere werden an der Stelle hoffentlich nicht so dumm sein wie Autoren und Leser von t-online.de.