Scheinheiligkeit
In diesem Artikel treffen viele meiner Lieblingsthemen aufeinander.
Schon mal im Miniaturwunderland Hamburg gewesen? Ich war es kürzlich und war wohl selten an einem Ort größerer Heuchelei. Scheinheiligkeit in höchster Potenz. Dekadenz pur.
Verwundert diese Aussage? Bestimmt!
Schauen wir doch mal, wie ich darauf komme.
Primär auffällig ist, dass sie eine zutiefst politische Einstellung zeigen, die aktuell modern ist. Dagegen ist nichts einzuwenden. Nun führt dies, wie an vielen anderen Stellen unserer Gesellschaft, halt eben zu deutlichen Widersprüchen. So zeigt sich beispielsweise:
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Offen in vielen Szenen der Kampf pro Frauenrechte. Teils so sehr, dass eine realistische Darstellung auf der Strecke bleibt. Als Beispiel das Publikum des Volksparkstadions: Unter dem Logo des HSV und Szenen aus Fußballspielen auf den Monitoren des Fußballstadions – im Übrigen der Männermannschaft, aber das ist nebensächlich – zeigt sich auf den Rängen eine fast ausschließlich pro-feministische, politische Demonstration. Und das in einem Haus, in dem an dem Tag fast ausschließlich Männer beschäftigt waren. Die überhaupt einzige Frau, die ich dort gesehen habe, saß dann an der Kasse für niedere Tätigkeiten. In den Leitzentralen, aktiv am Arbeiten zwischen Publikum und an den Ausstellungsstücken und in den Werkstätten und Kontrollzentren: nur Typen. Jaja, schon klar.
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Eine geschichtlich korrekte Darstellung scheint generell gar nicht so sehr verfolgt zu werden. So sind zwar Sexual- und Gewaltszenen offensichtlich nicht tabu (und im Übrigen teils sehr gut und humorvoll umgesetzt!), finden sich gleich mehrfach immer mal wieder, und auch pompöse Massensituationen werden gerne dargestellt - volle Stadien, Karneval in Rio, etcpp. mit tausenden kleinen Figürchen, aber die wohl bedeutendste in der deutschen Geschichte, die Zeit um 1933, muss gänzlich ohne eine Darstellung der damals üblichen, pompös-protzigen Großveranstaltungen des Nationalsozialismus als zentrales Propagandawerkzeug auskommen. Ins Bild würde es passen, tausende gleich ausgerichtete Menschenmengen wie sie in anderen Szenen zugegen sind. Das darf offensichtlich nicht sein. Dargestellt werden können hier zum Thema Drittes Reich nur böse Kriegsszenen - und zwar ausschließlich zum Zweck der Darstellung von Zerstörung.
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Auskommen muss man dabei selbstverständlich ohne die allseits bekannte Beflaggung der damaligen Zeit. Die geschichtlich korrekte und in dem Zusammenhang auch völlig legale und durchaus angebrachte Darstellung der übermäßigen Verwendung des Hakenkreuzes, das damals wahrlich alles zierte, kommt hier offensichtlich niemandem “über die Lippen”. Da blockiert wohl dann wirklich alles.
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Linksradikalität kann man dagegen sehr wohl darstellen. Positiv. Nicht nur in Szenen mit linkem Thema, es gibt ganze Schaukästen der Partei “Die Linke” auf Augenhöhe zu CDU und SPD. Gleichzeitig ist man selber aber der größte Kommerz schlechthin. Ne, mal ernsthaft: Das Miniatur Wunderland ist kein Hobbyprojekt. Es ist ein Unternehmen, das aktiv Werbung bei Fernsehveranstaltungen für den nicht gerade preisgünstigen Besuch macht. Es geht um möglichst viel zahlendes Publikum, das gar noch mit extra zu bezahlenden Attraktionen und dank Monopolstellung hochpreisiger Verköstigung möglichst gut gemolken wird. Größter Kommerz schlechthin. Man sieht sich offensichtlich links-sozialistisch, könnte real jedoch wohl kaum weiter entfernt davon sein.
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Auch darüber hinaus zeigt man seine politische Richtung sehr deutlich. So gab es politische Aktionen weit über das eigene Betriebsgelände hinaus. Eine Demoaktion gegen Fleischkonsum als Beispiel. Die Szene von Viehbetrieben und Viehtransporten, in denen die Enge realer Betriebe nochmals weit übertroffen wird - wie in anderen Szenen auch: Um Realismus geht es halt nicht, es geht um Politik. Und da kommt das künstlerische Stilmittel der Überzeichnung gerade Recht. Die Message: Fleischkonsum benötigt mehr Ressourcen als Obst, Gemüse und Grundnahrungsmittel. Fleisch zu essen ist nicht lebensnotwendig, es ist Luxus und überflüssig. Scheinheilige Heuchelei, die kaum größer nicht sein könnte. Denn genau das wird ja hier an der Stelle von einem nichtproduzierenden, rein als Spaßveranstaltung ausgelegten, kommerziellen Betrieb, bei dem es ausschließlich um den Luxus geht, schön aussehende Kunst herzustellen, die zu Lebenserhaltung keinerlei Beitrag leistet, dargestellt. Dekadenz pur. Leute, die davon leben, dass sei Plastik zum Spaß und purem Luxus künstlerisch verkleben, um damit Leute anzulocken, die – nur um das dann zu sehen – tonnenweise Benzin und Diesel kaufen und verbrennen (und darüber hinaus bitte auch Eintritt bezahlen und überteuerte Lebensmittel kaufen), wollen einem erzählen, dass die einen Lebensmittel gut und die anderen schlecht sind. Schon klar.
Was für die Nationalsozialisten 1936 mit Olympia selbstverständlich war: die gezielte Selbstinszenierung, um der Welt ein scheinbar friedliches, modernes Miteinander vorzugaukeln, während die Diskriminierung im Hintergrund verschärft wird, funktioniert offensichtlich heute weiterhin sehr gut!