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Werkzeug

Gerade über einen Presseartikel gestolpert, dass sich Gloria-Sophie Burkandt (Tochter von CSU-Politiker und Ministerpräsident Bayerns Söder) und Heiner Lauterbach über zukünftige Bedeutung und Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz (KI) gestritten haben.

Burkandt meint, dass KI helfen kann, unliebsame Aufgaben zu übernehmen, die man üblicherweise gar nicht so gerne selber tätigt. KI und die Besteuerung der damit erwirtschafteten Gewinne könnten dazu führen, dass Sozialleistungen wie aktuell Bürgergeld in Zukunft nicht nur zum Leben völlig ausreichen könnte, sondern damit sogar genug Mittel für die gesamte Bevölkerung zur Verfügung stehen könnten, so dass sich im Bestfall niemand für den Lebensunterhalt einer regelmäßigen Arbeit nachgehen muss - nichtsdestotrotz natürlich kann.

Lauterbach bezeichnet dies als Horrorszenario, weil der Mensch sich doch verwirklichen will. Erstens behauptet er damit entweder, dass der Mensch eingeht, wenn er nicht zur Arbeit gezwungen wird oder aber er geht mal mindestens davon aus, dass wenn er keine Arbeit verrichten muss, sich auch keine andere findet, mit der er sich verwirklichen kann. Dabei lässt er explizit auch keine der Möglichkeiten zu, die dann auch weiterhin bestehen, wie bspw. Schauspielerei. Er als Schauspieler, der sein Leben damit verwirklicht hat, lehnt dies konkret darauf angesprochen vehement ab.

Das ist an der Stelle strunzdumm, aber bezeichnend für die aktuelle Gesellschaft. Hauptsache gegen sein gegenüber argumentieren - egal wie offensichtlich man dabei Blödsinn redet. Das kann man durch Vehemenz wettmachen und das unmittelbare Umfeld stimmt eh zu, wenn es von einem Sympathisanten kommt und gegen die vermeintlichen Gegner geht. So kommt niemand der in der Runde überwiegend vertretenen Schauspieler auf die Idee, dem zu widersprechen.

Selbstverständlich wird es auch dann weiterhin Möglichkeiten geben, sich zu verwirklichen, wenn ein neues Werkzeug noch viel mehr dessen übernimmt, was der Mensch bis dahin selber macht - machen muss. Ganz im Gegenteil: gerade dann, wenn man für seinen Lebensunterhalt weniger arbeiten muss, nicht einer Tätigkeit nachgehen muss, die für den Lebensunterhalt notwendig ist, gerade dann finden sich viel umfangreichere Möglichkeiten, sich nach eigenem Gutdünken zu verwirklichen. Das war schon immer so. Neues Werkzeug verbessert die Möglichkeiten. Insbesondere eine gesicherte Lebensgrundlage verbessert die Möglichkeiten.

Nicht verwechseln darf man das natürlich nicht mit dem Anspruch, zwangsläufig alle glücklich zu machen. Glücklich ist man damit nicht automatisch und auch mit der besten aller Prognosen, wohin uns KI führt, wird man alleine damit nicht Krankheiten wie Depression oder Drogenmissbrauch los. Aber es kann dabei helfen!

Man lege Lauterbach (und allen, die ihm an der Stelle zustimmen) bitte zwei Steine vor. Beispielsweise Feuerstein oder irgend ein anderes geeignetes Hartgestein. Und verlange nun, dass er daraus geeignetes Werkzeug herstellt. Geht nicht? Muss nicht? Macht keinen Sinn? Höhlenmenschen werden uns für Verrückt halten, dass wir unser Werkzeug nicht selber herstellen können! Und fehlt an der Stelle offensichtlich grundlegendes Wissen. Wissen, das Jahrtausende lang essentiell war.

Es muss sich dabei gar nicht um längst überflüssige Werkzeugtypen handeln. Man nehme beispielsweise den simplen Kreuzschlitzschraubenzieher: wer kennt schon den Unterschied zwischen PH (Phillips) und PZ (Pozidrive) und kann deren Herstellungsprozesse, die (trotz verwechselbarem Aussehen der Produkte) so grundlegend verschieden sind, erklären? Spätestens bei PC, Smartphone, etc. - vor denen wir hier alle sitzen und sie wie selbstverständlich benutzen - und deren genauen Funktionsweise, geschweige denn diese selber aus dem Nichts herzustellen, völlig abwegig dieses Wissen zu verlangen.

Aber bei KI soll das jetzt anders sein?

Nein, bestimmt nicht. Bei KI ist es wie bei allen anderen Werkzeugen auch: Wir benötigen Spezialisten, die sich damit auskennen. Aber die große Masse nutzt dieses Werkzeug schlicht nur.

Keine Frage, wir benötigen Kompetenz auf dem Gebiet. Gerade in Europa sind wir hier aktuell im Rückstand. Aber wir dürfen das Werkzeug nicht verteufeln, sondern es nutzen!

Wenn sich das nötige Wissen dadurch wandelt, who cares!? Vor 10.000 Jahren war das menschliche Gehirn schon ganz ähnlich leistungsfähig wie jetzt. Es bestand aber ein völlig anderer Bedarf an Wissen. Kann heute jemand im Wald stehend auf Anhieb sagen, welche der Pflanzen dort besonders nahrhaft sind, wo man nach diesen am besten sucht und von welchen man die Finger lässt? Wo man sich des Nachts ohne weitere Mittel am besten unterstellt? Wie man aus dem Nichts Werkzeug zur Jagt herstellt und nach welchem Getier, das sich wo findet, wo und wie am besten nachstellt und wie man dieses am besten erlegt und ausweidet? Wer ist in der hierzu nötigen Gruppendynamik trainiert?

Ich nicht, muss ich auch nicht. Mein Kopf ist daher frei für anderes Wissen. Genau darum geht es.

Und da kann man sich die Frage stellen: Muss man zu einer Zeit, in der man das Wissen in zwei Minuten nachschlagen kann, auswendig aus dem Stegreif wissen, wer der sechste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland war? Muss man vielleicht schlicht gar nicht und kann die so freiwerdenden Ressourcen für andere Dinge nutzen.

Fakt ist, die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirnes ist in den letzten Jahrhunderten ungefähr gleich geblieben und wurde noch nie dadurch weniger, wenn die Nachfolgegeneration anderes Wissen darin abspeichert als die Vorgängergeneration. Es ist schlicht anderes Wissen, der Bedarf wandelt sich. Und wenn zukünftige Generationen nicht mehr wissen, wie man Steine behaut oder Powerpoint-Präsentationen erstellt, dann ist das vielleicht durchaus etwas sinnvolles.

Schon immer haben sich dabei Vorgängergenerationen über Nachfolgergenerationen Echauffiert. Schon über die großen griechischen Philosophen finden sich solche Aussagen, dass die Jugend verrucht. Auch an anderer Stelle hatte ich mich schon darauf bezogen. Warum sollte das heute anders sein…