Ich will nicht, also darfst du nicht
Deutschland ist so ziemlich einmalig auf der Welt: Wir sind aus der Kernkraft ausgestiegen. Ne, Moment, anderes Thema: Wir haben auf unseren Autobahnen nur eine Richtgeschwindigkeit, aber kein generelles Tempolimit. Einige wollen es, andere überhaupt nicht. Die Frage ist, wem sollte man Recht geben?
Die Diskussionen werden seit Jahrzehnten geführt. Die Argumente auf beiden Seiten sind dabei klar. Auf der einen Seite ist klar, dass ein niedrigeres Tempolimit sicherer und besser für die Umwelt ist und auf der anderen Seite steht die Freiheit des Fahrers im Vordergrund. Ich habe keine Zweifel: Beide haben Recht und müssen berücksichtigt werden. Tun wir das also einmal.
Ich habe keine Zweifel daran, dass höhere Geschwindigkeiten – alleine von der Logik her, abgeleitet aus Physik und Naturgesetzen – zu einem Mehrverbrauch führen und eine größere Gefahr für Unfälle bzw. Unfallfolgen birgt. Es gibt Studien, die dies unterstützen und auch wenn ich an der Korrektheit manch konkreten Ergebnisses zweifel, so zweifel ich nicht daran, dass niedrigere Geschwindigkeiten generell sicherer sind und Sprit sparen.
Dass konkrete Ergebnisse falsch sein können bzw. zu inkorrekten Schlüssen führen, auch die Grundannahme grundsätzlich richtig ist, ist durchaus normal. Das Problem bei Studien zu politisch kontrovers behandelten Themen ist halt, dass diejenigen, die die Studien ausführen, zumeist selber befangen sind und sich dem nicht entziehen können. Das ist bei Studien zum Tempolimit nicht anders als zu anderen aufgeblasenen Themen, die politisch polarisieren.
Nehmen wir mal eine gern zitierte Studie des Spiegels, die prophezeit, ein Tempolimit könnte bis zu 140 Todesfälle im Jahr verhindern. Man hat der Studie mehrfach das Prädikat “plausibel” attestiert. Interessant, denn dies würde rund die Hälfte der jährlichen Todesfälle insgesamt auf Autobahnen bedeuten (mal mehr, mal weniger: 263 im Datensatz der Studie, 284 im Jahr 2024). Berücksichtigt man, dass die verkehrsreichesten und unfallträchtigen Stellen auf den Autobahnen zumeist eh schon geschwindigkeitsbeschränkt sind und daher von einem allgemeinem Tempolimit gar nicht betroffen sind und die Kilometerleistung auf beschränkten Abschnitten durchaus höher ist und ja nun wahrlich nicht alle Unfälle auch auf den unbeschränkten Abschnitten im Zusammenhang mit einer Geschwindigkeit oberhalb 130 km/h stehen bzw. insbesondere auch auf beschränkten Abschnitten ein großer Teil Unfälle tempobedingt ist, ist das Ergebnis, dass die Hälfte davon auf diese simple Art verhindert werden kann, doch echt beachtlich. Schade, dass diese Einschätzung in der Beschreibung des Textes nicht weiter erklärt wird. Möglicherweise aus gutem Grund.
Es ist schließlich nur eine “bis zu”-Aussage – Moment mal, das kennen wir doch: Typischerweise ist diese Werbeaussage doch ein Lockangebot, mehr leeres Versprechen als real. Mittlerweile sollte doch wohl jedem klar sein: Man nennt mit dieser Formulierung eine weit größere Zahl, die theoretisch möglich wäre, aber real nie erreicht wird, um mehr Leute anzulocken. Der Anbieter will, aus rein persönlichem Interesse, mehr Gläubige überzeugen als er mit einer geringeren Zahl erreichen kann. Was wiederum bedeutet es, wenn schon Studienersteller zu solchen Formulierungen aus der Werbeindustrie greifen? Eindeutig ist dies ein Ausdruck persönlichen Bias’ und Effekthascherei.
Die Studie selber wird dabei hoch gelobt. Klar, im passenden Umfeld, denen eine solche Aussage zugute kommt, doch kein Wunder. Da kann man ihr auch gleich Fehlerfreiheit attestiert. Fehlerfrei ist sie dabei wohl eher nicht. Aber sie macht tatsächlich einen guten Eindruck, wenn man die Effekthascherei drumherum mal außer Acht lässt. Insbesondere dass sie nicht nur ihre Quellen nennt, sondern auch die ihrer Berechnungen offen zur Verfügung stellt, finde ich super.
Wenn man in die Details rein schaut, so zeigen sich ein paar Unstimmigkeiten. Am Beispiel der Datei unfaelle_pro_abschnitt.csv:
- kein Tempolimit
- 5316,7725 Jährliche Kilometerleistung pro Fahrbahnkilometer
In einem Abschnitt ganz in der Nähe, zwischen den selben Anschlussstellen:
- Tempolimit 120
- 16214,9425 Jährliche Kilometerleistung pro Fahrbahnkilometer
Somit verdreifacht sich offensichtlich die Zahl der Autos mal eben, ohne dass eine Anschlussstelle hierfür sorgen könnte.
Oder dass das kurze Autobahn-Endstück A 226 Richtung Travemünde, nordöstlich von Lübeck, mit einer Kilometerleistung pro Fahrbahnkilometer von 11696,06 zu den meistbefahrenen Autobahnen Deutschlands gehört, just exakt die gleiche Zahl wie die A 1 südlich von Hamburg aufweist.
Das könnte durchaus noch alles völlig in Ordnung sein, vermutlich einer nötigen Abstraktion oder Ungenauigkeiten schon in den Quellen geschuldet. Das dürfte sich mehr oder minder über die breite Datenbasis wegmitteln - jedenfalls sofern es kein bewusster Betrug ist, der nur einseitig ist und tatsächlich schlicht eine Ungenauigkeit und Abstraktion auf Detailebene, die auf beiden Seiten gleichermaßen vorkommt. Von was man hier bei dem offensichtlichen Bias der Autoren wohl eher ausgehen kann, kann sich jeder selber denken.
Wie auch immer, es führt zu letztendlich ungenauen Ergebnissen. Aber selbst wenn sie genau wären, diese werden ja am Ende gar nicht genutzt. Die Aussage des Titels ist kein Ergebnis der Studie, es ist pure Spekulation. Kein irgendwie erreichter Messwert. Es ist schlicht die Annahme, dass “bis zu” annähernd jeder Unfall, der auf einem Stück ohne Tempolimit passiert, durch ein Tempolimit verhindert würde. Das ist alles mögliche, aber nicht ein Ergebnis all der Berechnungen und auch nicht wissenschaftlich.
Eine solche Aussage mit einer konkreten Zahl suggeriert eine Genauigkeit, die hier gar nicht vorliegt. Wenn in den Details einer Studie klargestellt wird, dass Zahlen mit Vorsicht zu genießen sind und erst umfangreichere Studien nötig sind, um bessere zu erhalten, die aktuellen daher leicht missinterpretiert werden können, dann aber genau diese ganz repräsentativ in Titel und Teaser vorne stehen, dann kann an einer Neutralität der Studienersteller klar gezweifelt werden. Jeder einigermaßen mit Wissenschaft vertraute weiß, dass üblicherweise nur Titel und Teaser gelesen werden und dieser daher nicht mehr versprechen darf, als dann in den Details wirklich steht. Genau darauf hat man es aber hier angelegt. Kein Wunder, dass überall nur zitiert wird, dass die Studie zeigt, dass man durch ein Tempolimit mehr als die Hälfte aller Toten auf deutschen Autobahnen verhindern kann. Das ist schlicht Unsinn. Aber genau so gewollt. Zumal die Aussage fast immer in einem Kontext von einem Tempolimit in Höhe von 120 oder gar 130 km/h. Spätestens das ist völlig falsch.
Wenn ein Autor einer Studie sich bspw. gleichzeitig offen als Klimaaktivist und Autogegner zeigt, ist dies allerdings beim Thema Tempolimit sowieso schon mehr als offensichtlich zu erwarten. (Na, wie schmeckt eine solch zusammenhanglose, beiläufige Allgemeinbemerkung, die leicht missinterpretiert werden kann? Ich habe damit schließlich nicht behauptet, auf etwaige Autoren dieser Studie würde genau das zutreffen.)
Es könnte sich durchaus lohnen, tiefer in die Details der Studie einzusteigen, um weitere, mal eben getroffene Abstraktionen und Vereinfachungen oder gar wilde Annahmen zu finden, die mal eben getätigt werden. Mich würde es bei einem entsprechenden Bias der Autoren nicht wundern, wenn sich da etwas findet, das letztendlich das Ergebnis mehr als nötig verfälscht.
So weit muss man jedoch gar nicht gehen, um die Studie und deren Verwendung kritisieren zu können. Denn etwas wesentlich offensichtlicheres springt einem schon direkt entgegen, förmlich direkt ins Gesicht, ganz ohne irgendwelche Quellanalyse und Berechnungen dieser nachzuvollziehen: Sie zeigt etwas völlig anderes, als das, wofür sie hergenommen wird. (Oh, wirklich? Wer hätte das gedacht…) Es geht hier um jegliche Tempolimits, nicht um ein bestimmtes. Mit einfließen tut also insbesondere auch Tempo 80 und gar Tempo 60 zu Gunsten der Tempolimitbeführworter. Das wird von allen, die sich damit auseinandergesetzt haben und diese Studie insbesondere in einem Zusammenhang mit einem Tempo-130-Limit beurteilt haben und zu dem Schluss kommen, dass es in der Studie keine logischen Fehler gibt, völlig außer Acht gelassen.
Also, ganz konkret, an alle die, die hier meinen, aufgrund solcher Studien würde das Wunschtempolimit der meisten Tempolimitbeführworter von 120 oder 130 km/h in irgend einer Form unterstützt: NEIN, wird es NICHT!
Wenn wir dabei sind, irgend ein sinnvolles Tempolimit aus Studien der Art zu ziehen, die Energieverbrauch und Unfallfolgen betrachten, landen wir zwangsläufig bei einem Tempo deutlich unter 120 oder gar 130 km/h. Statistiken über den Verkehr und Unfälle auf Abschnitten, auf denen beispielsweise das Tempo mit großem Erfolg von 120 km/h auf 100 km/h gesenkt wurde und die ebenfalls gerne im Zusammenhang mit einem Wunsch-Tempolimit von 130 km/h angebracht werden, zeigen dies deutlich: Weniger Unfälle, weniger Schwerverletzte, insbesondere bei deutlich niedrigerem Tempo. Nein, Freunde, bei 120 oder gar 130 km/h landet man hier bestimmt nicht. Wer sein Wunsch-Tempolimit mit 120 km/h oder gar mehr angibt, der drückt an der Stelle keine objektiven Wert aus, der wissenschaftlich ermittelt wurde, sondern einfach seine persönliche Wunschvorstellung und den Wunsch, doch bitte mehr Energie verbrauchen und mehr Menschen umbringen zu dürfen! Wenn wir ein Tempolimit von 120 oder 130 km/h einführen wollen, dann können wir es genauso gut bei 130 km/h Richtgeschwindigkeit belassen. Denn der Unterschied zu 130 km/h Richtgeschwindigkeit ist dann eher gering und damit eine Richtgeschwindigkeit dann wiederum der sinnvollere Kompromiss. Und à propos, wie passend, nicht ohne Grund daher das, was wir jetzt schon haben.
Das Ergebnis, dass auf eine bestimmte Kilometerleistung bezogen Unfallfolgen bei höherem Tempo schlimmer sind, das ist also nicht das einzige Kriterium, das zählt. Genauso wenig wie der, dass der Energieumsatz steigt. Beides, das gebietet schon die Physik, ist unausweichlich, aber gar nicht wirklich das einzige Kriterium, auch nicht für diejenigen, die aktuell ein Tempolimit fordern. Wenn Tempolimitbeführworter Studien anführen, die Unfallfolgen und Umwelteinflüsse zeigen, wollen sie nicht wirklich auf alleinig das Ziel, dieses um jeden Preis zu minimieren. Denn, wie gesagt, dann landet man bei 80 km/h oder gar noch darunter. Ein allgemeines Tempolimit von 80 km/h auf Autobahnen würde gegenüber 130 km/h, 120 km/h und selbst noch 100 km/h abermals eine nachweisbare Reduktion von Unfallfolgen und Spritverbrauch bedeuten. Der Effekt einer Reduktion von Tempo 130 km/h auf 80 km/h ist wesentlich höher als ein Tempolimit von 120 oder 130 km/h einzuführen. Und darüber hinaus würde es noch einen Effekt durch die gleichmäßige Bewegung über alle Klassen geben, wenn LKW weiterhin ebenfalls 80 km/h fahren dürfen. Man könnte so gar das Rechtsfahrgebot und Rechtsüberholverbot fallen lassen. Jede Menge Synergieeffekte, die man bei einem Tempolimit von 100 km/h oder gar mehr nicht hat. Ein Tempolimit von 80 km/h und niedriger ist bei dieser Argumentation somit unausweichlich.
Und das wiederum, das geht nun wiederum dem typischen Tempolimitbeführworter zu weit. Plötzlich sind es nicht Unfallfolgen und Spritverbrauch, die man so hoch ansehen sollte. Tote und Umweltsünden im gewissen Maße kann man doch wohl eingehen. Wie, äh, was, was hab ich gesagt? Verbrauch, Verletzte und eventuell gar Tote hinnehmen? Blasphemie, das geht doch gar nicht! Doch, ja, wirklich, genau das wird plötzlich kein Problem, wenn man statt 80 km/h doch lieber etwas schneller fahren will.
Da stellt sich natürlich die Frage, warum sollte nun 130 km/h als generelles Limit ok sein, aber als Richtgeschwindigkeit nicht?
Es ist Willkür. Und zu Willkür kommt noch eine riesige Portion Egoismus. Man will es schlicht so. 130 km/h ist doch ein tolles Tempo, ich will so schnell fahren und das aber wiederum reicht, schneller muss keiner. Schneller darf keiner, weil ich das auch nicht will. Darum sollte keiner schneller fahren! Ich will mit diesem schon wahnsinnig hohen Tempo, das kein Mensch ohne Hilfsmittel aus alleinigem Antrieb fähig ist zu erreichen, andere gefährden dürfen. Aber das, was ich will, das ist dann bitteschön genau die Grenze, darüber hinaus darf keiner gehen. DAS ist der einzig relevante Grund.
Denn ja, auch schon mit Tempo 100 km/h und erst recht schnellerem geht man an der Stelle aus persönlichem Gutdünken ein Risiko und Umweltverschmutzung ein, das nicht nötig wäre. Das wiederum ist aber völlig normal: Die Welt am Ego ausrichten. Es ist völlig normal, zur eigenen Befriedigung Risiken und Mehrverbrauch einzugehen. Ansonsten wäre ein Verbot von Urlaubsreisen und Verbot diverser Hobbies mindestens ebenso unausweichlich. Denn klar fest steht: wer im Urlaub verreist, egal ob mit der Bahn, Auto oder gar Flugzeug, verbraucht Energie, Unmengen an Sprit, der genauso überflüssig ist wie der, der bei höherem Tempo verbraucht wird (auch wenn es bei der Bahn mitunter Strom ist, das ist beim E-Auto nicht anders: Energieumsatz ist da und die Energie fehlt anderswo und ein Tempolimit nur für Verbrenner ist ja nun überhaupt nicht in Diskussion). Es besteht dabei klar messbar eine Gefahr für Leib und Leben, der man sich freiwillig und – nüchtern betrachtet, da ja eine nicht zum Lebenserhalt dienende Freizeitbeschäftigung – völlig unnötig aussetzt.
Jährlich verletzen sich viele bei Hobby und Urlaub, teils tödlich. Dagegen sind die Opfer im Straßenverkehr eher unbedeutend. Wenn wir wirklich etwas tun wöllten und die Reduzierung von Opfern einziges Kriterium wäre und der Zweck alle Mittel heiligt, dann müssten wir Urlaubsreisen und Hobbys generell verbieten.
Beispiele für schwere bis tödliche Unfälle im Hobby:
- Katja Husen stirbt bei einem Radmarathon
- Thomas Eder stürzt beim Bergwandern in den Tod
Selbst zuhause ist man nicht sicher: Janosch Dahmen verunglückt bspw. auf der heimischen Baustelle so schwer, dass er mit einem Helikopter ins Krankenhaus geflogen werden muss.
Auch andere Verkehrsmittel töten Leute. So stirbt der überzeugte Bahnfahrer Wolfram Westphal am Bahnsteig. Die Todesrate im Bahnverkehr ist höher als das, was man hier einsparen können will.
Auch Tode unbeteiligter muss man dabei hinnehmen. Selbst bei ruhigen und gesitteten Sportarten. So töten nicht nur Golfer ab und an mal Unbeteiligte – Mensch wie Tier – auch andere Freizeitaktivitäten führen regelmäßig zu Menschlichen wie tierischen Verlusten eigentlich völlig unbeteiligter.
Hier kann man abwiegen und sagen, das Freiheitsrecht des Freizeitlers überwiegt.Ja, natürlich, völlig richtig. Und genau das kann man dem Verkehr nun ebenfalls nicht absprechen.
Erstens gefährdet sich im Verkehr primär derjenige selber, der fährt. Insbesondere bei Hochgeschwindigkeitsunfällen ist die Wahrscheinlichkeit, dass nur der Fahrer selber betroffen ist, doch wohl am höchsten: Bei wenig Verkehr und erhöhter Gefahr, dass sich technische Defekte auswirken oder ganz einfach die Beherrschung über das Fahrzeug zu verlieren. In unserer Freiheitlichen Demokratie ist dies jedoch von der Allgemeinen Handlungsfreiheit gedeckt, die auch ein gewisses Recht auf Selbstgefährdung erlaubt – wie ja oben schon festgestellt. Da nun schnelles Fahren auf der Autobahn weit weniger gefährlich ist als viele andere Hobbys, kann man an der Stelle klar und deutlich sagen: Das Freiheitsrecht überwiegt hier klar und deutlich.
Geht es um Fremdgefährdung, bspw. willenloser Mitfahrer oder unbeteiligter Dritter, so gilt es hier ebenfalls abzuwägen und nicht jedes einzelne Opfer als eines zu viel hoch zu stilisieren. Genau das machen doch Tempolimitbeführworter sowieso instinktiv, wenn ein Tempolimit von 130 km/h und nicht bspw. von 80 km/h verlangt wird: Da heißt es, den Sprit mehr, die Verkehrsopfer mehr, was soll’s!? Das können wir tragen. Und genau das können wir dann eben an der Stelle auch für eine Richtgeschwindigkeit von 130 km/h zählen lassen. Insbesondere wenn klar ist, dass der Unterschied zwischen einem generellen Tempolimit von 80 km/h und 130 km/h größer ist als zwischen 130 km/h Richtgeschwindigkeit und einem Tempolimit von 130 km/h, wie bspw. das Umweltbundesamt bezüglich der Umweltbelastungen untersucht hat. Es geht dabei schließlich um nicht weniger als eine Tätigkeit, die täglich Millionen Menschen in Deutschland ausführen.
Letztendlich dabei wichtig zu beachten:
- von einem allgemeinen Tempolimit betroffen sind nur diejenigen, die gegen eine solche Regelung sind
- es fällt daher denjenigen, die für ein solches sind, recht leicht, ein solches zu fordern
- der Gewinn für die, die dieses fordern, besteht dabei nur indirekt; denn langsamer fahren kann man auch ohne dieses jederzeit - es geht immerhin schlicht nicht darum, eine Mindestgeschwindigkeit abzuschaffen
- das konkrete Tempo, das gefordert wird, ist nicht neutral und wissenschaftlich begründbar, sondern schlicht ein Gefühl und Wunschvorstellung derer, die dieses durchdrücken wollen
Gerade Punkt 4 ist ein sehr wichtiger und in Kombination mit den Punkten 2 und 3 sehr verräterisch. Das Gedankenexperiment dazu habe ich oben ja schon beschrieben: Man nehme als Tempolimit ein Tempo von maximal 80 km/h, so wie man es auf Grund der zumeist angeführten Studien tatsächlich auf allen Straßen fordern sollte (auf denen nicht schon ein geringeres zählt) und schon sind annähernd alle Tempolimitbeführworter ruckzuck gegen dieses Limit, obwohl dieses ganz objektiv einen geringeren Energieverbrauch bedeutet, weniger Umweltverschmutzung, eine geringere Unfallrate und insbesondere eine geringere Zahl Schwerverletzter und Toter und insgesamt doch anhand der Argumente der Tempolimitbeführworter klar überzeugen sollte. Nein, dann spielt der persönliche Bedarf des schnelleren Vorwärtskommen doch eine höhere Rolle. Mehr Tempo und daraufhin mehr Spritverbrauch und ein höheres Unfallrisiko sind klar zu akzeptieren.
Nein, Moment, ein paar Tempomimitbeführworter gibt es wohl doch, die auch das Tempo gerne mitmachen: Die, die eh kein Auto fahren oder sowieso wenig bis gar nicht auf der Autobahn.
Dies zeigt klar und deutlich, es geht im Grunde nur um Punkt 1! NUR und nichts anderes!
Der von der Masse noch eben tragfähige Kompromiss bedeutet nichts weiter, als dass auf Verlangen der Mehrheit auf eine Berücksichtigung einer Minderheit verzichtet werden soll.
Und das wiederum ist ein Unding in einer Zeit, in der Bedarf auch von Minderheiten berücksichtigt werden soll. Es liefert einen guten Grund, dies auch an völlig anderen Stellen zu überdenken. Warum sollte man hier als Betroffener an anderer Stelle auf Seiten einer Mehrheit stehend dann noch bereit sein über Kompromisse nachzudenken, die einen benachteiligen?
Alles in allem bedeutet dies: Ein generelles Tempolimit in der aktuell angedachten Höhe ist nicht sinnvoll. Es ist einseitig und nicht fair, in der Form, wie es kommen soll. Ein Tempolimit betrifft die, die hiervon betroffen sind, deutlich mehr als diejenigen einen Nutzen davon haben, die es wünschen.
Diskussionen ums Tempolimit werden seit Jahrzehnten geführt. Noch nie wollten alle schnell fahren und schon immer waren es nur wenige, die wirklich schneller fahren. Der Mensch hängt an seinem Leben und so wird ganz üblich darauf geachtet, dies nur dort zu tun, wo es möglichst gefahrlos möglich ist. Daher – und auch das zeigen halt Statistiken – war das Fehlen einer harten Grenze noch nie wirklich von Relevanz, da Deutschland insgesamt sogar recht gut dasteht und vergleichsweise sichere Straßen hat.
Vielmehr ist es so: Mit einem Tempolimit wollen einige, die hiervon gar nicht betroffen sind, schlicht nur über andere Maßregeln, sie wollen über andere bestimmen. Mit etwas, von dem sie selber gar nicht betroffen sind. Und das kotzt mich an.